Rezensionen

Rezension „Blauschmuck“ von Katharina Winkler

Blauschmuck* von Katharina Winkler
Suhrkamp Verlag – Taschenbuch – 197 Seiten
ISBN: 978-3-518-46771-8 – 10,00 € / 9,99 € (E-Book)

Klappentext:

© Suhrkamp Verlag

Filiz wächst in einem kurdischen Dorf in der Türkei auf. Sie ist zwölf, als sie sich in den um wenige Jahre älteren Yunus verliebt und mit ihm von einem gemeinsamen Leben im Westen träumt. Mit fünfzehn heiratet sie ihn – heimlich und gegen den Willen ihres Vaters. Doch mit der Hochzeit platzen auch die Träume von Freiheit und Autonomie: Statt Jeans trägt Filiz jetzt Burka; gemeinsam mit den drei Kindern, die in dieser Ehe geboren werden, ist sie der körperlichen und seelischen Brutalität ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter ausgesetzt. Daran ändert auch die Emigration der Familie in den Westen nichts – vorerst. Denn nach einer neuerlichen Eskalation der Gewalt gelingt Filiz das vermeintlich Unmögliche: die Befreiung aus physischer und psychischer Abhängigkeit.

(Quelle: Suhrkamp Verlag)

Meine Meinung: 

Katharina Winkler erzählt mit diesem Buch die reale Lebensgeschichte einer jungen Türkin, die versucht in einer Welt, in der Gewalt zum Alltag gehört, zu überleben. Das Buch ist so eindringlich und aufwühlend, dass ich das Geschriebene erst eine Weile sacken lassen musste, bevor ich anfangen konnte diese Rezension zu schreiben — und auch jetzt fällt es mir alles andere als leicht.

Dass dieses Buch nichts für zartbesaitete Gemüter ist, merkt man als Leser schon auf den ersten Seiten. Man begreift, dass mit „Blauschmuck“ keineswegs Schmuck im eigentlichen Sinne gemeint ist, sondern die verschiedenen Blautöne der Blutergüsse, die die Körper der Opfer von häuslicher Gewalt zieren.

Der Blauschmuck der Frauen trägt die Handschrift der Männer. Das Werkzeug, Holz oder Eisen, und die Anzahl der Schläge bestimmen den Blauton.

Die Frauen in Filiz‘ Dorf tragen ihn fast alle, den Blauschmuck. Sie befinden sich in einem Umfeld, in dem Gewalt und Unterdrückung an der Tagesordnung stehen, ja deren Ausübung beinahe schon Pflicht für die Männer ist. Schon die Jüngsten werden von ihren Vätern, Großvätern und Onkeln dazu erzogen Frauen als Objekte zu behandeln, die zu Gehorsam verpflichtet sind. Selbst Filiz‘ Kinder werden von ihrem Mann Yunus nicht verschont. Die Misshandlungen hören auch nicht auf, als die Familie nach Österreich emigriert. Immer und überall Schläge, Schläge und noch mal Schläge..

Schläge fallen von der Decke. Schläge fallen von den Wänden. Schläge kriechen aus den Ritzen im Boden. Schlag. Um Schlag. Schlag. Um Schlag.

Und trotzdem wünscht Filiz sich nichts sehnlicher als die Liebe und Aufmerksamkeit ihres Mannes. So sehr, dass sie dieses Martyrium stillschweigend erduldet, bis ein Arzt auf ihren Blauschmuck aufmerksam wird.

Zuerst war ich ein wenig irritiert vom nüchternen Erzählstil und dem vielen Weiß auf den Seiten, konnte doch schon nach kurzer Zeit das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Für fast zwei Stunden nicht, denn so lange hat es gedauert, die knapp 200 Seiten zu lesen. Stilistisch ist dieses Buch, trotz der einfachen Worte und den kurzen Sätzen, ein Meisterwerk. Die Wortwahl und Gedanken der Protagonistin sind ihrem Alter angepasst und genau dieser Stil, der die kindliche Naivität widerspiegeln soll, verleiht dem Buch eine immense Aussagekraft. Man kann kaum glauben, dass Blauschmuck das Debüt der Autorin ist, und stellt sich unweigerlich die Fragen: „Wie kommt Katharina Winkler zu dieser Geschichte und wie schafft sie es, sie so wiederzugeben als wäre es ihre eigene?“ Fragen, die mich dazu veranlasst haben zu recherchieren. Das Buch lies mich somit auch nach der Beendigung nicht los.

Ich war wirklich sehr erleichtert, als ich es zuklappen konnte, denn es war eine richtige Achterbahn der Gefühle, die ich hier binnen zwei Stunden durchlebt habe. Wieder einmal wurde mir vor Augen geführt, wie gut es mir geht und wie froh ich sein kann in einem behüteten Umfeld aufgewachsen zu sein. Es ist unfassbar erschreckend, wie viele Frauen und Kinder im Jahre 2017 noch immer unter Angst und Gewalt leben müssen.

Fazit:

Ein bewegendes, emotionales Buch, welches bestimmt niemanden kalt lässt und für das man Nerven braucht. Blauschmuck ist für mich definitiv eines meiner bisherigen Jahreshighlights und wird mich sicherlich noch längere Zeit beschäftigen. Ich kann nur jedem nahelegen dieses Buch zu lesen.

Bewertung: 5/5 Sternen

Neugierig geworden? Hier geht’s zur Leseprobe!

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag, der mir „Blauschmuck“ als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat!

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2 Kommentare zu „Rezension „Blauschmuck“ von Katharina Winkler

  1. Hallo Antonia,
    ich kann dir nur zustimmen. Ein extrem berührendes und nachdenklich machendes Werk. Ich habe es auch gelesen, aber nicht rezensiert, weil ich nicht wusste, wie ich meine Gedanken angemessen in Worte fassen kann. Ich hoffe, dass dieses Buch noch viele Leser findet.
    LG
    Yvonne

    1. Hallo Yvonne 🙂
      Ich habe mir auch echt schwer getan mit der Rezension, aber glaube, dass ich es im Endeffekt ganz gut hinbekommen habe. Würde mich auf jeden Fall freuen vielleicht doch noch deine Meinung dazu zu lesen. Ich finde nämlich, dass es sehr wichtig ist dieses Buch bekannter zu machen und da zählt jede Rezension.

      LG

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